Konstruktivismus
Aus PR-Woerterbuch
Die Grundannahme des Konstruktivismus lautet, dass der Mensch die „objektive“ Wirklichkeit (so sie es denn geben sollte) nicht erkennen kann und sich daher seine ureigene Wirklichkeit konstruieren muss. Objektivität hat damit nurmehr den Rang einer operativen Fiktion. Bezogen auf Kommunikation besagt der Konstruktivismus, dass Menschen ihr Denken, Wahrnehmen und Handeln keinesfalls nur an Fakten, sondern ebenso (in der Regel viel öfter) an Fiktionen (etwa: Öffentliche Meinung, Image) ausrichten. Das gilt erst recht für die Mediengesellschaft.
Im klassischen journalistischen Verständnis gilt die Berichterstattung als ein möglichst getreues Bild der Wirklichkeit. Der Konstruktivismus zeigt aber deutlich, dass alle Berichterstattung (Beobachtung) grundsätzlich selektiv ausfallen muss. Demgemäß konstruieren die Medien Wirklichkeiten, die im besten Fall intersubjektiv akzeptabel (viabel), aber nie objektiv sein können.
Die Anwendung des Konstruktivismus, insbesondere im Rahmen der Systemtheorie (Maturana, Luhmann), führt in vielen wissenschaftlichen Disziplinen zu einem Umdenken von einer klassischen zu einer transklassischen Wissenschaft, mit derzeit noch gar nicht nicht absehbaren Folgen. Viele bislang widersprüchliche Phänomene der Kommunikation (z.B. der Begriff der Bedeutung, der Begriff des Verstehens, der Begriff der Wirklichkeit, die notwendigen Paradoxien im Kommunikationsprozess) können dadurch erklärt werden: Dass das Missverständnis eher die Regel, das Verstehen eher die Ausnahme ist, dass es keine Bedeutung an sich geben kann und dass die Medien die Lieferanten für Wirklichkeitsentwürfe rund um die Uhr sind (mit allen daraus folgenden Konsequenzen) hat der Konstruktivismus nachhaltig dargelegt.
Für Public Relations ist der Konstruktivismus eine besonders interessante Theorie, weil sie die faktische Wirkung von Fiktionen, auf die Public Relations basal angewiesen sind, erklären kann, nämlich
a) dass und warum die Fiktionalisierung fortschreitet,
b) diese immer mehr faktische Relevanz gewinnt,
c) die handlungsleitende (reale) Wirklichkeit immer mehr fiktional unterfüttert ist und ihre beständig steigendes Strukturierungspotential zum strategischen Ansatzpunkt für Public Relations wird.
Gerade für Public Relations ist von Bedeutung, dass Menschen ihr Wahrnehmen, Denken und Handeln nicht nur an Fakten, sondern genausogut an Fiktionen (Öffentliche Meinung, Image) ausrichten und damit Wirklichkeiten konstruieren, die de facto Wirkungen entfalten können. [Merten/Schmidt/Weischenberg 1994; Merten 1999: 96ff].
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