Nachrichtentheorie

Aus PR-Woerterbuch

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Im klassischen journalistischen Verständnis werden Ereignisse dann zur Nachricht, wenn sie Aktualität besitzen. Aktualität ist eine Eigenschaft von Ereignissen, die diese besitzen müssen um

a) von Journalisten berichtet zu werden und
b) das Interesse der Rezipienten zu treffen.

Ganz grob kann man Aktualität (A) durch zwei Größen definieren (vgl. Merten 1973): Information (I) (Neuigkeit, Überraschung) und Relevanz (R) (differenzierbar nach Zahl der Betroffenen, Dauer und Fristigkeit des Ereignisses, Grad der Betroffenheit, räumliche/geistige/zeitliche Entfernung des Ereignisses von den Betroffenen etc.).

Formalisiert heißt das: A = f (I x R)
Aktualität kann also nur dann vorhanden sein, wenn beide Variablen positiv (größer als Null) ausgeprägt sind.

Beispiel: Dass in einem Seminar an einer Universität an einem bestimmten Ort an einem ganz bestimmten Tag ganz bestimmte Personen zu ganz bestimmter Zeit einen ganz bestimmten Stoff so und gerade so rezipieren, dabei die und die Kleidung tragen, in der und gerade der Verfassung sind etc., ist im Sinne der Informationstheorie ein hochinformatives (hochunwahrscheinliches) Ereignis, das sich so nie wiederholen wird. Der Informationsgehalt I dieses Ereignisses ist maximal. Dennoch taugt dieses Ereignis überhaupt nicht zur Nachricht - denn es gibt täglich Tausende von Vorlesungen, d.h. darin steckt keine besondere Relevanz. Umgekehrt ist die Tatsache, dass 98% aller Bundesbürger täglich eine warme Mahlzeit zu sich nehmen können, von maximaler gesamtgesellschaftlicher Relevanz, denn das heißt: In Deutschland stirbt niemand wegen Hunger. Dennoch taugt auch diese Feststellung nicht zur Nachricht, denn wir sind an diesen Zustand "gewöhnt", seine Feststellung enthält daher keinerlei Neuigkeitswert (Information).

Ein erster umfassender Entwurf einer Nachrichtentheorie wurde 1965 von Galtung/Ruge vorgelegt. Dabei werden 12 Nachrichtenfaktoren definiert. Nach Galtung/Ruge hat ein Ereignis umso eher eine Chance, als Nachricht publiziert zu werden, je mehr und je stärker die Nachrichtenfaktoren ausgeprägt sind. Diese sind:

1) Ereignisentwicklung (frequency)
2) Außergewöhnlichkeit (threshold) in Bezug auf Relevanz, Überraschung
3) Eindeutigkeit (unambiguity)
4) Bedeutsamkeit (meaningfulness)
5) Erwartungstreue (consonance)
6) Überraschung (unexpectedness)
7) Themenkarriere (continuity)
8) Relative Themenvarianz (composition)
9) Bezug auf Elitenationen
10) Bezug auf Elitepersonen
11) Personenbezug generell
12) Negativität.

Diese 12 Nachrichtenfaktoren wurden empirisch überprüft und – mit Einschränkungen – als Selektivitätskriterien bestätigt. Der Nachrichtenwert (news value) eines Ereignisses ergibt sich dann als Summe aller Nachrichtenfaktoren (und deren jeweiligem Gewicht), die für dieses Ereignis zutreffen.

Wichtig ist, dass die Erzeugung einer Mitteilung über ein Ereignis, deren Publikation als Nachricht und schließlich deren Siehe hierzu: Wahrnehmung durch den Rezipienten insgesamt als mehrfach gestufter Prozess der Selektion begriffen werden muss und dies in zeitlicher, sachlicher und sozialer Dimension (vgl. Ruhrmann 1989: 30ff.). Es ist daher geradezu erwartbar, dass in diesem Prozess die Rolle des Redakteurs eben durch seine aufzubringende Selektivität definiert wird, nämlich als [Gatekeeper]].

Dabei wählen die jeweiligen Instanzen nach unterschiedlichen Kriterien aus: Journalisten selegieren vor allem nach Neuigkeit, Rezipienten hingegen eher nach Relevanz (was gerade in dieser Differenz Sinn ergibt d.h. sie übernehmen die Selektion der Journalisten und nehmen dann eine weitere Selektion nach subjektiver Relevanz vor.

Aus der Perspektive des Konstruktivismus kann man den Prozess der Nachrichtenrezeption als Prototyp für die individuelle Konstruktion von Relevanz begreifen, denn Rezipienten übernehmen Informationsangebote aus den Medien und setzen auf diese je subjektiv ihre eigene weitere Selektionen auf, d.h. sie konstruieren ihre Relevanzen, ihre Wirklichkeit in der Tat selbst. Das kann man u.a. an der verbalen Reproduktion von Nachrichtensendungen erkennen: Hier zeigt sich deutlich, dass erinnerte Nachrichten in subjektive Kontexte eingebettet werden und zudem mit fiktionalen, nicht in den Nachrichten berichteten Fakten angereichert werden. Des Weiteren ist festzuhalten, dass alle Aussagetypen - entgegen dem herkömmlichen Alltagsverständnis und gleichgültig, ob informierend, meinungsbildend, belehrend oder unterhaltend - zunächst und vor allem anderen den Charakter von Information besitzen.

[Lewin 1943: 1989 Ruhrmann 1989: 59 Schulz 21990 Merten 1999: 146ff.]

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