Redaktion
Aus PR-Woerterbuch
Eine Redaktion ist eine Selektionsinstanz für laufend einkommende Information, die nach dem Kriterium der Aktualität (Information, Relevanz) Informationsangebote selegiert und diese in einem Medium publiziert. Redaktionen sind ressortmäßig strukturiert (standardmäßig: Politik, Wirtschaft, Kultur, Lokales, Sport).
Die von einer Redaktion permanent zu erbringende Selektionsleistung fordert eine entsprechende Organisation, die durch ein Gremium von Personen (Journalisten) garantiert wird, die arbeitsteilig und thematisch (nach Ressorts gegliedert) die Informationsselektion vornehmen; eine hierarchische Struktur mit einem Chefredakteur an der Spitze soll dabei die Güte der im täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Rhythmus zu erbringenden Informationsleistung garantieren. Von Journalisten wird hierfür a) Auswahlkompetenz, b) Recherchekompetenz und c) Redaktionskompetenz erwartet:
a) Auswahlkompetenz
Die Auswahlkompetenz eines Journalisten bezeichnet die Kompetenz, aus einer Fülle laufend eintretender Ereignisse eine vergleichsweise geringe Anzahl von berichtenswerten Ereignissen auszuwählen, indem er nach dem Kriterium der Aktualität, das sowohl das Kriterium der Überraschung (Information) als auch das Kriterium der Relevanz umfasst, selegiert.
Unterstellt man, dass nur etwa jedes 100te Ereignis an eine Nachrichtenagentur gelangt, dass eine Nachrichtenagentur nur etwa jede 10. Meldung an die Medien weitergibt, dass eine Tageszeitung bzw. eine Rundfunkanstalt nur etwa jede 10te Agenturmeldung übernimmt und dass der Rezipient nur etwa 16% der Nachrichten erinnern kann (vgl. Merten 1985) und davon wiederum nur einen Bruchteil bewusst und dauerhaft zu verarbeiten in der Lage ist, dann ergibt sich für das wichtigste aller Genres ein Selektionsfaktor, der deutlich kleiner als 1/60 000 ausfällt.
In Anlehnung an den von Lewin (1943) geprägten Begriff "gatekeeper", den Lewin für das Auswahlverhalten von Hausfrauen beim Einkauf von Nahrungsmitteln prägte (nur das, was Hausfrauen beim Kauf an Essbarem auswählen, kann hinterher auch von der Familie verzehrt werden), werden Journalisten ebenfalls als gatekeeper bezeichnet.
b) Recherchekompetenz
Die Recherchekompetenz bezeichnet die Fähigkeit eines Journalisten, aktuelle bzw. fragwürdige Sachverhalte (Ereignisse) zu vermuten, zu suchen, zu finden und deren Wahrhaftigkeit sicherzustellen (vgl. Haller 1991).
c) Redaktionskompetenz
Die Redaktionskompetenz bezeichnet die Fähigkeit eines Journalisten, Sachverhalte sachgerecht, knapp, zutreffend und für den Leser verständlich und interessant zu formulieren.
Die Informationsbeschaffung kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen: a) Recherche durch ein Mitglied der Redaktion, b) Anlieferung durch eine Nachrichtenagentur oder durch c) einen redaktionsexternen Korrespondenten, freien Mitarbeiter oder Informanten und d) durch Verwendung von PR-Material.
In sachlicher Hinsicht gehört zu einer Redaktion ein technischer Apparat. Dazu zählt vor allem ein leistungsfähiges internes Kommunikationssystem (Telefon, Telefax, Fernschreiber, Internetanschluss etc), ferner der schnelle Zugriff auf ein oder mehrere Archive und die laufende Belieferung mit Informationsangeboten durch Nachrichtenagenturen. Nachrichtenagenturen sind Organisationen, die sich auf die schnellstmögliche Beschaffung und Verbreitung von Information spezialisiert haben.
Die temporale Dimension der Informationsselektion in der Redaktion äußert sich im Zwang, die Redaktion von Informationsangeboten, deren unerwartetes Eintreffen zugleich ihr Charakteristikum ist, zuvor einer Auswahl zu unterziehen und zudem termingerecht zu liefern. Beides erfolgt unter hohem temporalem Druck, denn Seiten oder Sendeminuten müssen stets rechtzeitig gefüllt sein. Das Bestreben nach objektiver Berichterstattung findet genau deshalb hier seine Grenzen: Berichterstattung ist nicht Wahrheitssuche, sondern "making news by doing work" (Tuchman 1973). Redaktionen können daher immer nur versuchen, die aktuelle Ereignislage möglichst repräsentativ abzubilden - nach bestem Wissen und Gewissen. Da der Rezipient aber nur das publizierte Produkt (die selegierte Textstichprobe) zu sehen und/oder zu hören bekommt, aber niemals die Grundgesamtheit aller Informationsangebote, ist eine strenge Prüfung auf Objektivität gar nicht möglich (Weischenberg 1995: 192 ff.). Sie ist nur fallweise oder indirekt zu leisten: Entweder dann, wenn der sehr seltene Fall eintritt, dass der Rezipient zufällig selbst unmittelbarer Augen- oder Ohrenzeuge eines Ereignisses wird oder aber dadurch, dass der Rezipient mehrere Medien nutzt und anhand der mehr oder minder großen Ähnlichkeit der berichteten Ereignisse und der Art, wie darüber berichtet wird, Schlüsse auf die Objektivität der Berichterstattung riskieren kann.
Der Vertrieb des Selektionsprodukts wird durch den Verlag/die Rundfunkanstalt geleistet. Da die einzelnen Medien zueinander in einem publizistischen und marktwirtschaftlichen Wettbewerb stehen und der Verlag/die Rundfunkanstalt das notwendige Kapital bereitstellen muss, muss auch die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit gesichert sein: Der Markterfolg (gemessen als Auflage oder Reichweite) hängt aber vor allem von der Güte des Selektionsprodukts ab. Von daher sind Leser, Hörer oder Zuschauer letztlich die für die Redaktion maßgebliche Siehe hierzu: Zielgruppe
Angesichts der technisch bedingten, laufenden Beschleunigung des Informationsflusses und der Globalisierung der Ereignisagenda hat sich die Berichterstattung der Medien längst auf "Welt" eingestellt und auch das Mediensystem gilt längst als international. Für den Journalismus resultieren daraus entsprechend höhere Ansprüche, so dass die universitäre Journalistenausbildung mittlerweile nicht nur implementiert ist, sondern längst schon vorausgesetzt wird. So fordert der Westdeutsche Rundfunk (WDR) für die Einstellung von Volontären seit langem einen akademischen Abschluss und diesen vor Erreichen des 30. Lebensjahres.
[Haller 1991 Weischenberg 1995 Meckel/Kriener 1996]
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